- Persönlich

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Die lahme Ente

Von Gottes Knecht heißt es in Jesaja 42,3:
„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

 

Die junge Ente hatte sich am Flügel verletzt. Richtig fliegen konnte sie nicht mehr. Ich sah, wie ein Hund auf sie zu spurtete. Er war voller Übermut und Lebensfreude. Panisch versuchte die Ente abzuheben. Es gelang ihr mit unvollkommenen Flügelschlag gerade noch, dem Hund zu entkommen und sich in die Mosel zu flüchten. Das war ein halbe Bruchlandung auf dem Wasser. Aber jetzt war sie in Sicherheit.

Manchmal fühlt man sich flügellahm. Die Gesundheit streikt und immer öfter kann man einfach nicht mehr. Der Trauerfall oder der Streit raubt einem die letzte Kraft. Und dennoch ist der Alltag voller unerbittlicher Befehle: Du musst noch die Hemden bügeln, die Tochter abholen oder die kranke Mutter besuchen. Du musst bis zum Freitag fertig sein mit der Abrechnung. Du musst mehr auf dich achten, das Zimmer aufräumen und endlich die Fenster putzen. Zaghaft versucht man beim Chef um Verständnis zu bitten und ihm zu erklären, warum es im Moment nicht so läuft wie gewohnt. „Ich kann doch nicht auf Ihr gesamtes psychosoziales Umfeld Rücksicht nehmen“, sagt der großspurig-streng. „Sie müssen schon ihre Aufgaben erfüllen.“

„Du musst!“ – „Du musst!“ – „Du musst!“

Wie mit Hammerschlägen wird die eigene Seele durch innere und äußere Antreiber mürbe geklopft. Geradezu inflationär findet das kleine, unerbittliche Verb müssen Gebrauch in Politikerreden oder im Alltag. In der Bibel dagegen taucht es nur selten auf. Eigentlich gibt es nur zwei wirklich wichtige Stellen: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.“ (Psalm 90,12)
„Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“
(Apostelgeschichte 5,29).
Selbst bei den Geboten findet man das wesentlich mildere „Du sollst …“

„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Die frühen Christen haben diesen Satz auf Jesus Christus hin gedeutet. Tatsächlich richtete Jesus die Flügellahmen wieder auf. Er heilte Kranke und vergab Schuld. Durch Liebe und Akzeptanz wurden die Wunden geheilt und das Fliegen wieder erlernt.

Es mag in dieser Welt träge Menschen geben. Für die mag es hilfreich sein, in ihrer Trägheit aufgescheucht zu werden. Oft verbirgt sich jedoch hinter der scheinbaren Trägheit eine schmerhafte Verletzung. Wer sich da mit der Unbefangenheit jenes jungen Hundes als Antreiber aufspielt, der fügt dem verletzten Mitmenschen weiteren Schaden zu.

Was aber hilft, wenn ich wirklich nicht mehr kann?

Es hilft gewiss, wenn ich verständnisvolle Freundinnen und Freunde habe. Es hilft, wenn Menschen in meiner Nähe mich gerade in Zeiten der Schwäche akzeptieren und wieder aufrichten. Es hilft die Erkenntnis, dass alles, was wir Menschen anpacken, unvollkommen und unvollständig bleiben wird. Es hilft die wunderbare Erfahrung, dass Gott sich gerade in den Lücken, die wir lassen, als wirksam erweist. Es hilft der Glaube, dass mich dieser Gott, der sich in Jesus Christus am Kreuz für mich hingegeben hat, von Herzen lieb hat.


Herzlich grüßt Dich,
Hans-Jürgen Volk (Pfarrer)


 

 
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