- Persönlich

K

Hin- und hergerissen


Paulus schreibt:
„Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem anderen dient.“   

Brief an die Philipper 2,4

 

Ein Mann mittleren Alters arbeitete in einem Handwerksbetrieb, in dem außer ihm noch etwa ein Dutzend weitere Angestellte beschäftigt waren. Ursprünglich war er ein Leistungsträger gewesen. Man konnte sich auf ihn verlassen. Doch seit einiger Zeit war der Wurm drin. Er arbeitete langsamer und machte Fehler. Die Krankmeldungen nahmen zu. Und der Unmut bei den Kollegen und beim Chef wurde immer größer. Der Mann hatte im Laufe seines nicht ganz einfachen Lebens gelernt: „Wer Schwäche zeigt, wird verletzt.“

Deswegen war er verschlossen und erzählte keinem im Betrieb, wie es ihm ging. Das trug nicht dazu bei, dass man mit ihm Verständnis hatte. Am Arbeitsplatz war er immer mehr teils versteckten, teils offenen Anfeindungen ausgesetzt. Der Druck vom Chef wurde immer stärker. Es folgte eine Krankheitsphase von fast einem dreiviertel Jahr. Auslöser war ein leichter Schlaganfall. Er hatte zudem eine seltene Erkrankung, die ihm unter anderem jede Antriebskraft raubte. Heute ist er Frührentner und hat einen Schwerbehindertenausweis.

Das ist eine fiktive Geschichte. Doch Fälle dieser oder ähnlicher Art sind mir in den vergangenen Jahren immer wieder begegnet. Am Ende bleibt oft nur ein Scherbenhaufen.
Paulus schreibt an die Gemeinde in Philippi: „Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“ Solche Mahnungen finden sich bei ihm oft. Auch in den ersten christlichen Gemeinden gab es mitunter Streit und tragische Konflikte. Paulus wusste sehr gut, dass dies zur menschlichen Natur dazu gehört.
Wie hätte die Geschichte anders verlaufen können? Der Mann hätte vielleicht schon sehr früh das Gespräch mit seinem Chef suchen sollen. Wenn ich Verantwortung für ein kleines Unternehmen habe, und ein Angestellter fällt in unregelmäßigen Abständen immer wieder aus, habe ich ein Problem. Wenn dann noch schlecht gearbeitet wird und ich nicht weiß, was eigentlich mit meinem Angestellten los ist, wächst der Zorn. Da ist es mitunter hilfreich, wenn sich der betroffene Angestellte mir anvertraut. Auf der anderen Seite hätte auch der Chef auf seinen Angestellten zugehen und um dessen Vertrauen werben können. Ein offenes Gespräch, bei dem sich beide Seiten darum bemühen, auch die Interessen des jeweils anderen wahrzunehmen, kann eine entscheidende Weichenstellung sein. Ganz im Sinne von Paulus: „Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“

Tatsächlich sind wir in derartigen Situationen hin- und hergerissen, was denn nun das Richtige ist. Offenheit macht verletzbar.

Wenn Vertrauen fehlt, setzt man eher auf Sicherheit. Und am Ende steht man dann vor einem Scherbenhaufen. Offenheit bedeutet Risiko. Wenn man sich verschließt, kann das Ergebnis ebenfalls ernüchternd sein. Das Leben ist nicht einfach.

Und dann setzt Paulus scheinbar noch einen drauf, indem er empfiehlt: „Ein jeder nehme sich ein Beispiel an Jesus Christus.“ (Philipper 2,5) Jesus war offen und mutig. Er machte sich angreifbar und wurde am Ende gekreuzigt. Das klingt wenig verheißungsvoll. Doch dieser Jesus lebt, er ist auferstanden. Und die Beziehung zu ihm kann mich dort stark machen, wo ich hin und hergerissen bin. Er hilft mir dabei, mich in den anderen hineinzuversetzen und ihm mit Klugheit und Wohlwollen zugleich zu begegnen.

Es ist dieser Glaubenshorizont, der mir in einer unvollkommenen Welt mit unvollkommenen Menschen immer wieder Kraft gibt, zu bestehen. Wir Menschen sind nicht perfekt. Wir machen Fehler am Arbeitsplatz wie auch in unserem Privatleben. Wir werden schuldig aneinander.

Darum ist Christus am Kreuz gestorben, um uns zu entschulden und die Last auf sich zu nehmen. Und darum haben wir die Freiheit, vor allem offen mit uns selbst umzugehen – als Menschen, die „wunderbar gemacht sind“ (Psalm 139,4), aber alles andere als perfekt. Wir haben diese Freiheit auch deswegen, weil wir geliebt sind und uns nichts in diesem oft so komplizierten Leben von dieser Liebe Gottes trennen kann (Römer 8,38-39)!

Herzlich grüßt Sie/Dich,
Hans-Jürgen Volk (Pfarrer)


 

 
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