- Persönlich

K

Der Traum vom neuen Menschen


Jesus Christus spricht:
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“   

(Johannes 15,5)

 

"Eine rohe Möhre am Tag und an Jesus glauben und du bekommst keinen Krebs!" Mit Nachdruck sagt dies ein älterer Herr. Offenkundig gehört er zur ganz frommen Fraktion. Der runde Geburtstag einer Bekannten hat uns zusammen geführt. Ich entgegne ihm: "Das klingt mir zu einfach. Leider habe ich schon Menschen beerdigen müssen, die fest im Glauben standen und die sich gesund ernährt haben. "Dann haben sie eben nicht genug geglaubt - oder sie haben die rohe Möhre vergessen." erwidert der ältere Herr." "Man muss dran glauben!" so schließt er seine Argumentation in einem Ton, der keinen Widerspruch toleriert. Ihm entgeht die wachsende Heiterkeit am Nachbartisch ob der Zweideutigkeit und Skurrilität seiner Aussage. "Jo, irgendwann müssen wir allem mal dran glauben!" sagt ein Schelm von nebenan. Und aus dem Prusten und Gekicher wird lautes Gelächter.

"Wir müssen besser werden!" Diesen Satz hörte man in den letzten Monaten verdächtig oft. Den Hintergrund bilden meisten Vorgänge, die aus dem Ruder gelaufen sind. Ich denke zum Beispiel an das Segelschulschiff der Bundesmarine "Gorch Fock", für dessen Instandsetzung Unsummen verbraucht worden sind. Dennoch ist das Schiff ein Torso, und niemand weiß, ob es jemals wieder in See stechen wird. Der Tiefbahnhof "Stuttgart 21" wäre ein weiteres Beispiel oder auch jene legendäre Bauruine am Rande von Berlin namens BER, aus der einmal der neue Großflughafen der Hauptstadt hätte werden sollen. Angesichts derart missratener Prozesse sagen die Verantwortlichen oft: "Wir müssen besser werden!" Einerseits ist dies ein lobenswertes Eingeständnis der eigenen Mangelhaftigkeit, anderseits verbirgt sich hinter diesem Imperativ die Illusion, wir Menschen könnten uns selbst unbegrenzt optimieren.

Der nur scheinbar fromme Möhrenmissionar und jene Selbstoptimierer haben eins gemeinsam: Sie glauben an die menschliche Kraft und Leistungsfähigkeit. Glaube, der sich verbindet mit einem autoritären Befehlston und einer Haltung der Alternativlosigkeit wird jedoch zum Aberglaube. Der christliche Glaube erwächst aus der Beziehung zu Jesus Christus. Er ist keine Leistung, ich kann ihn nicht verordnen. Er ist ein Geschenk.

Deswegen sagt Jesus: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht." Das ist ein anschauliches Bild. Löst sich die Rebe vom Weinstock, so trennt sie sich von der Quelle ihrer Kraft und ihres Lebens. Ohne diese Quelle kann sie nichts tun, sie vertrocknet. Durch den Weinstock bringt sie Frucht.

Jesus von Nazareth tritt eindeutig, aber niemals autoritär auf. Er sagt nicht: "Du musst dran glauben!" Er sagt: "Dein Glaube hat Dir geholfen!" Oder: "Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, könntet ihr Berge versetzen." Dieser Glaube ist keine Leistung. Er bedeutet in Beziehung zu stehen zur Wirklichkeit Gottes, die in Jesus Christus Gestalt annimmt.

Menschen machen immer wieder Fehler. Sie verletzen sich gegenseitig. Sie tun mitunter grässliche Dinge. Deswegen leben wir in einer gefährdeten Welt. Und daher ist der Versuch nachvollziehbar, den Menschen zu verbessern zum Beispiel durch Bildung und durch bessere Lebensverhältnisse. Modern geworden ist der Versuch, die persönliche Leistungsfähigkeit durch Coaching oder die Stärkung der eigenen Belastbarkeit zu steigern. Auf unterschiedliche Weise strebt man nach dem "neuen Menschen". Aber macht das die Welt zu einem besseren Ort?
In der Tat spricht die Bibel selbst vom "neuen Menschen". Der alte Mensch ist der, der sich selbst durch trügerische Gier zu Grunde richtet und sich von der Quelle des Lebens gelöst hat. Der neue Mensch ist geschaffen durch Gottes Geist. (Vgl. z.B. Epheser 4,24)

"Du musst nur eine rohe Möhre am Tag essen und feste glauben, dann kriegst du garantiert keinen Krebs!" Dies betonte der ältere Herr mit Vehemenz. An unserem Tisch saß eine Frau mittleren Alters. Sie entgegnete ihm: "Der Glaube hat mir in meinem Leben immer wieder Halt gegeben. Dennoch habe ich vor einigen Jahren Krebs diagnostiziert bekommen. Die Beziehung zu Jesus hat mir die Kraft gegeben, mit der Krankheit klar zu kommen. Und ich weiß: ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand." Diese einfachen Worte beeindruckten mich und die Anderen am Tisch. Für mich wurde an dieser Frau deutlich, was die Bibel mit dem "neuen Menschen" meint. Weisheit, Güte und eine starke Hoffnung gingen von dieser Frau aus.

Herzlich grüßt Sie/Dich,
Hans-Jürgen Volk (Pfarrer)


 

 
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