Tag des offenen Denkmals

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Tag des offenen Denkmals

Was uns heilig ist …

Predigt gehalten am „Tag des offenen Denkmals“ 09 in der Ev. Kirche Hilgenroth

Predigttext Joh. 2,13-16:
Und das Passafest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.
Und er fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen.
Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um
und sprach zu denen, die die Tauben verkauften: Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus!
 
Liebe Gemeinde.
auch diese Geschichte ist eine Zeichenhandlung - ähnlich wie jenes sympathische Geschehen bei der Hochzeit zu Kana, bei der Jesus Wasser in Spitzenwein verwandelt, das wir kurz davor im Johannesevangelium lesen können.
Jesus setzt ein Zeichen gegen das Händlertreiben im Tempel, dass dem heiligen Ort seine Würde nimmt und seine Heiligkeit gefährdet.
Problematisch ist nicht der Handel. Jesus wendet sich vielmehr gegen die enge Verflechtung von Markt und Tempel, von Religion und Ökonomie.

 

Wer dem Gott Israels Opfer darbringen wollte um ihm zu danken, ein Gelübde abzulegen oder um eigene Schuld zu sühnen, musste Opfertiere kaufen, die den strengen Reinheitsvorschriften entsprachen. Opfertiere versehen mit dem Gütesiegel der Priesterkaste. Und die gab es damals nur am Rande des Tempelbezirks zu kaufen. Dort waren die Münzen der Römer und Griechen mit ihren Götterbildern nicht zugelassen. Diese offiziellen Zahlungsmittel mussten eingetauscht werden   gegen das Tempelgeld, das außerhalb des Tempels wiederum wertlos war.

 

Wo gekauft und verkauft wird, verdienen Menschen auch. Und das waren weniger die kleinen Händler und Geldwechsler, sondern vielmehr der Tempel und seine Priester. Ihr Geschäftsmodell funktionierte glänzend und sie pflegten einen üppigen Lebensstil.
Jesus wendet sich mit seiner Randale gegen die Vermarktung des Religiösen - und trifft damit die florierende Tempelwirtschaft im Kern.
Es geht ihm um die Heiligkeit dieses besonderen Ortes.
Doch wenn’s ans Geld geht, hört der Spaß auf. Die Jerusalemer Priester werden zu seinen schärfsten Widersachern und haben großen Anteil am Tod Jesu am Kreuz.
 
Evangelische Christen haben eher Probleme mit dem Begriff des Heiligen.
Wenn man jedoch fragt, was ist Dir heilig? - wird deutlich, dass jeder von uns etliche Gegenstände, Orte und vor allem Menschen nennen kann, die ihm tatsächlich heilig sind.
Jedenfalls graust uns vor Menschen, denen nichts mehr heilig ist.
Heilig in diesem Sinne ist mir und vielen anderen die schöne Hilgenrother Kirche, die am Tag des offenen Denkmals besonders im Mittelpunkt steht.
Wir tun viel dafür, sie zu erhalten und würden uns mit Händen und Füßen gegen einen Verkauf wehren und eine Umwandlung in einen Gastronomiebetrieb oder gar eine Disko - ein Schicksal, das andere Kirchen vor allem in Städten schon ereilt hat.
Und ich vermute, jeder von uns hat Gegenstände zu Hause, mit denen sich kostbare Erinnerungen verbinden, die ihm oder ihr so am Herzen liegen, dass er sie niemals verkaufen oder gar wegschmeißen würde.
Unsere Kirche ist heute gefüllt mit solchen Gegenständen - ein genialer Gedanke von dem Künstler Frank Herzog, der dies ebenso genial umgesetzt hat.
Es sind Abbildungen, Skulpturen, die Menschen schweren Herzens für eine kurze Zeit aus der Hand gegeben haben. Heilige Gegenstände, weil sie Menschen heilig sind.
Jeder Gegenstand hat viel zu erzählen: Der Spielzeugtrecker mit dem Bild der Großmutter daneben, das Medaillon oder das Taufkleid, dass schon seit Generationen in der Familie ist.
Und dann gibt es den heiligen Teddybär, mit dem sich warme Kindheitserinnerungen verbinden - oder die heilige Teekanne.

Die ist von mir - und auch die hat eine Geschichte:

Teekanne

Sie ist ein Geschenk meiner Mutter, vor vielen Jahren erhielt ich es, als ich in Bonn meine erste Studentenbude bezog. Wenn ich sie heute anschaue, dann habe ich zahlreiche Begegnungen mit Menschen vor Augen, mit denen ich Tee trank, mich unterhielt und diskutierte. Sie erinnert mich an vertraute Gespräche, an wunderschöne Abende und Nächte - manchmal wurde der Tee durch Whisky ergänzt, vor allem wenn ich mit einem Partner ins Schachspielen vertieft war. Die Kanne hat mich über all meine Stationen von Bonn, Mainz, Heidelberg, Duisburg, Weyerbusch und Zell bis nach Eichelhardt begleitet.
Dabei ist sie beschädigt, sie hat einen Riss und daher nur noch bedingt als Teekanne brauchbar. Einmal vergaß ich, dass Teelicht zu löschen, und dann machte es klack …
Kostbar ist sie trotz der Beschädigung, ich würde sie niemals weggeben.
Für mich ist sie ein Symbol für unsere Beziehung zu Gott, jeder und jede von uns ist Gott heilig, obwohl wir allesamt keine perfekten Menschen sind. Jeder und Jede von uns hat irgendwo den Riss an seiner Seele, die alte Schuld oder die Verletzung. Dennoch gilt: Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein!“ -Gott würde uns niemals preisgeben, er hält an uns fest, hat jeden und jede von uns lieb. - Aus diesem Grund ist Kirche Gemeinschaft der Heiligen.
Nicht, weil wir so großartig wären, allein auf Grund der Beziehung zum lebendigen Gott, der uns seine unbegreifliche Liebe schenkt.
Ja, es gibt heilige Orte, heilige Gegenstände vor allem auch Menschen, die uns heilig sind. Und wo dies vergessen wird, wo die Zone von Kauf und Verlauf sich immer weiter ausdehnt und die Ökonomisierung voranschreitet, als wolle sie auch den letzten Winkel der Herrschaft des Geldes unterwerfen, da ist am Ende nicht mehr heilig und da wird der sanfte Jesus zornig, deutlich und klar.
 
Es geht um das rechte Unterscheiden.
Es gibt Werktage, es muss aber auch den Sonntag geben, den Gott geheiligt hat.
Es gibt den Bereich, wo produziert und gehandelt wird. Es ist völlig in Ordnung, wenn der Bäcker seine Brötchen, der Autohändler seine Autos und der Landwirt sein Getreide verkauft.
Aber es muss auch Bereiche geben, wo Kauf und Verkauf ausgeschlossen sind und der Markt vor die Türe verbannt ist.
Mitgefühl und Barmherzigkeit sind ebenso wenig käufliche Güter wie Liebe und Freundschaft - der Versuch, hier als Händler aktiv zu werden, zerstört diese Werte.
Und dies hat Bedeutung, sollte Bedeutung haben für unseren Umgang mit pflegebedürftigen Menschen oder mit Kindern. Kinder und ältere Menschen sind einer menschlichen, an christlichen Werten orientierten Gesellschaft nämlich heilig.
Pflege oder Gesundheit als Ware, als bloße Dienstleistung wie der Haarschnitt beim Friseur entmenschlicht eine Gesellschaft, macht sie kalt und unbarmherzig.
Die Luft, die wir einatmen, darf ebenso wenig zum Handelsgut werden wie das Trinkwasser, das Millionen von Menschen vor allem in den Ländern des Südens vorenthalten wird.
Das bunte Marktreiben am richtigen Ort macht Sinn, ist hilfreich und gut. Doch Jesus setzt Grenzen. Da ist der Markt auf der einen Seite - und all das, was uns heilig ist, auf der anderen. Wenn das Heilige zur Ware wird, verliert es sich selbst.
 
Jesus ging es um den heiligen Ort, den Tempel, wo Gott wohnt. Ein Kaufhaus ist etwas ganz anderes und ein heiliger Ort kann und darf kein Kaufhaus sein.
Christen verstanden sich als Gemeinschaft der Heiligen. Nicht deswegen, weil sie moralisch korrekter lebten als andere, sondern weil sie um die Liebe Gottes wussten, weil sie mit diesem Gott in Beziehung lebten.
Und diese Beziehung zu Gott hatte Auswirkungen auf ihre Beziehungen untereinander, sie verstanden sich als Schwestern und Brüdern.
Heilige Orte gab es auch in der Christenheit, aber die Gemeinschaft der Heiligen wurde zum Bereich, wo Gott wohnt und durch den er wirkt.
Eine Kirche, die sich vorrangig als Unternehmen versteht, das seine Produkte und Dienstleistungen auf dem religiösen Markt unterbringen möchte, ist nicht mehr diese Gemeinschaft der Heiligen.
Und doch wird’s die immer geben.
Weil Gott liebt und dadurch heiligt.
Weil wir diesem Gott unendlich wichtig und wertvoll, weil wir ihm heilig sind.

Amen
 

 
EVANGELISCHE KIRCHENGEMEINDE HILGENROTH | KIRCHSTR. 3-5 | 57612 EICHELHARDT | TEL. 02681-1720 | INFO@KGM-HILGENROTH.DE


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