Vernunft gefragt

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Vernunft gefragt!


 

Finanz- und Wirtschaftskrise und das Geld der Kirche

Gerade in Krisensituationen sind Vernunft und ein kühler Kopf die Voraussetzung für verantwortliches Handeln. Die Finanz- und Wirtschaftskrise stellt auch die Kirche vor Herausforderungen. Mit großer Dynamik verändern sich die materiellen Rahmenbedingungen kirchlicher Arbeit. Hierbei gibt es weitaus mehr Unsicherheiten als belastbare Fakten im Blick auf die mögliche Entwicklung.

Was wir wissen

Wir wissen, dass sich die Mittel für unsere Arbeit in der Ev. Kirche im Rheinland alleine durch die steuerpolitischen Maßnahmen der letzten Monate um ca. 10% reduzieren werden. Im Wesentlichen sind dies:

  • Zinsabgeltungssteuer - die Finanzabteilung rechnet mit deutlichen Mindereinnahmen. Sie wurde ursprünglich generiert, um höhere Einnahmen zu erzielen. Einmal mehr steht die recht simple Logik auf dem Prüfstand, dass niedrigere Steuersätze in diesem Fall auf Kapitalerträge zu höheren Einnahmen führen.
  • Den größten Batzen macht die Wiedereinführung der Pendlerpauschale aus, die strukturpolitisch für unsere Region durchaus von Vorteil ist.
  • Zu Mindereinnahmen führt außerdem die Erhöhung des Steuergrundfreibetrages auf 8.000 €.

Insgesamt wird dies nach Einschätzung der Landeskirche zu Mindereinnahmen von über 50 Millionen € für 2009 im Vergleich zu 2008 führen. Nicht eingerechnet sind hier naturgemäß die zu erwartenden Mindereinnahmen durch die Rezession. Das die erheblich sein werden, ist offensichtlich. Wie lange die Phase sinkender Steuereinnahmen anhalten wird, kann heute niemand voraussagen.


Erkenntnisgewinne - hoffentlich!

Die Finanz- und Wirtschaftskrise die auch zu einer krisenhaften Entwicklung bei den kirchlichen Einnahmen führen wird, macht zumindest in großer Klarheit deutlich, wovon die Entwicklung der Finanzkraft der Kirche abhängt und wovon nicht. Demographischer Wandel und Mitgliederentwicklung sind jedenfalls nicht die entscheidenden Faktoren. Entscheiden sind vielmehr:

  • Steuerpolitik: Seit Jahrzehnten steigen die Verbrauchssteuern, insbesondere auch die Mehrwertsteuer, wohingegen gerade bei hohen Einkommen und Vermögen zum Teil erhebliche Entlastungen stattfanden. So lag der Spitzensteuersatz in den 70-ger Jahren einmal bei 56%. 2005 wurde er auf 42% gesenkt, 2007 lediglich für die Höchstverdiener wieder auf 45% angehoben („Reichensteuer“).
  • Entwicklung der Löhne und Gehälter: Seit Anfang der 90-ger Jahre entwickelten sich die Löhne und Gehälter abhängig Beschäftigter nicht mehr im Gleichklang mit der Produktivität. Vor allem im öffentlichen Dienst und bei den Beschäftigten ehemaliger Staatsbetriebe gab es deutliche Kaufkraftverluste (- übrigens auch bei den Beschäftigten innerhalb der Kirchen und erst recht bei denen der Diakonie-). Hinzu kommt der politisch gewollte Aufbau eines Niedriglohnsektors, der mittlerweile mit 22% ähnlich hoch ist wie in den USA.
  • Wirtschaftliche Einbrüche: Durch verschiedene Kriege insbesondere in der Golfregion, durch das Platzen der sog. „New Ökonomie Blase“ Ende der 90-ger Jahre; vor allem aber durch den Terroranschlag vom 11.09.2001 und zuletzt durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gab es zum Teil erhebliche konjunkturelle Einbrüche mit negativen Folgen für die staatlichen Steuereinnahmen und damit auch die Kirchensteuer. Wichtig ist, dass es sich hierbei in vielen Fällen eben nicht um normale konjunkturelle Zyklen, sondern um zeitgeschichtlich bedingte Einschläge im Wirtschaftsgeschehen handelt.

Nur ein gutes Drittel der Mitglieder unserer Kirche zahlt überhaupt Kirchensteuer. Hierzu zählt auch die Familie mit mittlerem Einkommen, deren monatliche Kirchensteuer in etwa die Höhe eines Zeitschriftenabonnements hat. Der wesentliche Anteil der Kirchensteuer wird durch die Mitglieder mit hohem Vermögen erbracht. Deshalb waren der Wegfall der Vermögensteuer 1997 oder die Senkung des Spitzensteuersatzes für die kirchlichen Einnahmen derart schmerzlich - völlig unabhängig davon, ob man politisch derartige Maßnahmen für nötig hält oder nicht. Kommt es gleichzeitig zu realen Kaufkraftverlusten bei den Beziehern niedriger und mittlerer Einkommen, ist das Dilemma für die Einnahmen der Kirchen perfekt.

Dennoch gab es auf Grund einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung zwischen 2005 und 2008 erhebliche Kirchensteuermehreinnahmen im Vergleich zu den Vorjahren.
Entscheidend für die Einnahmen aus Kirchensteuermitteln sind also die wirtschaftliche Entwicklung und die Steuerpolitik. Andere Faktoren spielen eine bestenfalls marginale, empirisch nicht quantifizierbare Rolle.


Konsequenzen

Die jetzige wirtschaftliche Situation bezeichnet das vorläufige Ende jeder langfristigen Prognostik im Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung. Die führenden Wirtschaftsinstitute üben hier nicht auf Grund der eklatanten Fehlprognosen der Vergangenheit Zurückhaltung. Wir wissen nicht, wann die rezessive Phase ein Ende findet und wie sich die wirtschaftlichen Perspektiven danach darstellen. Wir wissen ebenfalls nicht, wie die Steuerpolitik in etlichen Jahren aussehen wird. Aussagen über ein mögliches Kirchensteueraufkommen im Jahr 2015 oder gar im Jahr 2020 entbehren daher jeder Grundlage und sind pure Kaffesatzleserei. Ähnlich wie im politischen Bereich haben wir gar keine andere Alternative, als auf Sicht zu fahren, also unsere Finanzplanung an der aktuellen Haushalts- und Rücklagensituation zu orientieren.

Das Dilemma besteht darin, dass die Kirche den Umfang ihrer Haupteinnahmequellen selbst nicht beeinflussen kann. Sowohl bei der Kirchensteuer wie bei der Refinanzierung ihrer Arbeit aus Steuermitteln und Mitteln der Sozialsysteme ist sie abhängig von politischen Vorgaben. Daraus folgt:

  • Rücklagen haben nicht zuletzt aus sozialen Gründen eine wichtige Funktion. Im Kirchenkreis Altenkirchen können wir mit großer Sicherheit sagen, dass sich auf Grund unserer Rücklagensituation kein kreiskirchlicher Mitarbeiter/keine Mitarbeiterin um seinen/ihren Arbeitsplatz sorgen muss. Wir können mehrere schlechte Haushaltsjahre problemlos überstehen (- ausgenommen sind natürlich Extremszenarien wie eine Hyperinflation).
  • Es ist dringend erforderlich, z.B. durch den Aufbau freiwilliger Beitragssysteme zusätzlich zur Kirchensteuer, durch Förderkreise, Spenden und Stiftungen Schritt für Schritt unsere Einnahmesituation zu stabilisieren und von politischen Vorgaben unabhängiger zu werden.

 

Hans-Jürgen Volk

 
Evang. Kirchengemeinde Hilgenroth | Kirchstr. 3-5 | 57612 Eichelhardt | Tel. 02681-1720 | Info@kgm-hilgenroth.de | Datenschutzerklärung


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