Prioritäten-Diskussion

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Prioritäten-Diskussion der Ev. Kirche im Rheinland
 

Das folgende Papier hat Pfarrer Manfred Alberti aus Wuppertal veröffentlicht. Es ist bei uns auf große Zustimmung gestoßen.

Prioritätendiskussion der Ev. Kirche im Rheinland:

Vorlagen verschärfen die Probleme – Gemeindebasis muss gestärkt werden

Die Vorlagen der Kommissionen schlagen ein Krisenbewältigungsmodell ‚von oben’ vor:
Straffere Führungs- und Gestaltungsmöglichkeiten durch KSV und KL, Eingriffsmöglichkeiten von oben nach unten ‚von Amts wegen’, Entmachtung einer unübersichtlichen und kaum handhabbaren Vielzahl von 900 Leitungsgremien, Verlust des Rechts zur Selbstbestimmung der Gemeinden (z.B. Grenzen und Zusammenlegung), Verlust des Pfarrwahlrechtes, Verlust der Gemeindeämter und weitgehende Wegnahme der Haushaltsgestaltung aus Gemeinden und Presbyterien. Die Gemeinden und Presbyterien verlieren nahezu alle wichtigen Kompetenzen an die Kirchenkreisebene.
 
Trotz aller guten und vielfach notwendigen Anregungen leiden die Vorschläge darunter, dass nur die Strukturprobleme der Leitung, aber kein Bild der Gemeinden von 2030 als Ausgangspunkt der Überlegungen gewählt wurde:

Bei einem zu erwartenden grundsätzlichen  Angewiesensein auf ehrenamtliche Arbeit in den Gemeinden kann die Lösung der Strukturprobleme nicht in einer beinahe totalen Entmachtung der Gemeinden und ihrer Presbyterien zu finden sein.
 
Auch in Zukunft werden die wohnortnahen Gemeinden die Bezugsebene fast aller Gemeindeglieder sein, so dass diese Ebene als Basis unserer Kirche vorrangig gestärkt werden muss.  Die Entmachtung der Gemeinden wird zu einer Demotivierung Ehrenamtlicher führen und die Probleme unserer Kirche nicht  lösen sondern verstärken.
 
Trotz der gravierenden Strukturprobleme unserer Kirche lassen sich aber ausgehend von den Problemstellungen der beiden Kommissionen teilweise erheblich gemeindenähere Lösungsansätze finden:

 1. Verwaltungskonzentration – Auflösung der Gemeindeämter  
(AG I:  2.5 S.7;  4.2.6. S.14;    AG II: CII 1.2.1. S.48)
Es ist vermutlich sinnvoll und ausreichend, die Kompetenz für die Bewältigung schwieriger Verwaltungs-aufgaben nur einmal im Kirchenkreis vorzuhalten. Insoweit sollten Germeindeämter entlastet werden und, evtl. gegen Bezahlung, eine kirchenkreisliche Verwaltung in Anspruch nehmen können.
Für den Erhalt von Gemeindeämtern spricht allerdings:


- Die Nähe von Verwaltung und Gemeinde für Mitarbeiter und Gemeindeglieder;

- Eine zentrale, regelmässig erreichbare Ansprechstelle bleibt in der Gemeinde;

- Der Grossteil der Gemeindeamtsaufgaben (Tätigkeiten ohne Spezialkenntnisse) kann gemeindenah
  erheblich preiswerter, schneller und unkomplizierter erledigt werden: Ehrenamtliche Tätigkeiten
  werden dabei an Gewicht zunehmen: telefonische Anlauf- und Auskunftsstelle, einfache Bausachen,
  einfache Personalverwaltung, Kirchenbuchführung, Barkasse, Schreib- und Druckarbeiten, zum grossen
  Teil die Vor- und Nachbearbeitung der Presbyteriumssitzungen.

- Die Bedeutung eines eigenen Gemeindeamtes als Repräsentanz einer Gemeinde darf nicht unterschätzt
  werden.

Bei vielen versuchen von Verwaltungszusammenlegungen stellte sich bei genauem Nachrechnen heraus, dass die Synergieeffekte einer gemeinsamen Verwaltung mehr als aufgezehrt werden durch erheblich höhere Kosten: Erledigung auch einfacher Aufgaben durch bezahlte Profis, hoher Stellenkegel,  erhebliche Ausgaben durch weitere Anfahrten (Fahrgeld, Zeitaufwand), zusätzliche Sekretariatsstellen bei den Pfarrämtern. Die natürlicherweise geringe Kenntnis der Spezialisten von den genauen Verhältnissen vor Ort verkompliziert und verteuert den Entscheidungsprozess.

Fazit: Eine gemeindenahe (teils ehrenamtliche)  Verwaltung mit Rückgriff auf kreiskirchlich vorgehaltene Kompetenzen ist die preiswerteste und die Gemeinden stärkende Lösung.

2. Haushaltssicherungskonzept   ( AG I:  4.2.2.1. S.10;  AG I: Anlage 1: § 67a (4) (7) S.16 )
Die Verpflichtung zur Erstellung eines Haushaltssicherungskonzeptes sollte nur dann greifen, wenn ein Haushalt nur durch Rückgriff auf mehr als  10% bis 15% der Rücklagen ausgeglichen werden kann.
Begründung: Die Möglichkeiten eines Kirchenkreises, schon bei minimaler Rücklagenentnahme zur Sicherung des Haushaltes ein Haushaltssicherungskonzept einzufordern und dann die in § 67 a (7)   angegebenen Eingriffsmöglichkeiten in eine Kirchengemeinde zu haben, führt zu einer unverhältnismässigen Entmachtung der Presbyterien. Die Vorsorge in guten Zeiten, um später auf Rücklagen zurückgreifen zu können, wird damit bestraft.

Fazit:  Eingrenzung der Haushaltssicherung auf wirklich gravierende Schieflagen, um die Gemeindeverantwortlichkeiten so lange wie möglich zu erhalten.
 
3. Pfarrwahl  (AG I: 4.2.2.4. S.12;  AG II:  C II. 1. S. 45; C II 1.1.2. S.47)   
Bei allem Verständnis für die Not der KL angesichts der hohen Wartestandszahlen und angesichts des dringenden Abbaus von Pfarrstellen ist die Wegnahme der Pfarrwahl aus den Presbyterien (AG II C1.1.1. S.47) eine sehr schlechte Lösung.  Wenn in Zukunft sowieso nur eine von der KL ausgewählte begrenzte Zahl von TheologInnen (Pfarrstelleninhaber und  zbV-PfarrerInnen)  für eine Wahl in freigegebene Pfarrstellen in Frage kommt, dann ist nicht einzusehen, warum die Auswahl aus dieser Zahl nicht den Presbyterien vorbehalten sein soll,  zumal dann, wenn es ein Vetorecht von KL und KSV gegen eine Pfarrwahl gibt.  ( AG I: 4.2.2.4  S.12). Da die Zahl der besoldeten PfarrerInnen unabhängig von der Wahl gleich bleibt, kann auch auf das Besetzungsrecht der KL in jedem zweiten Besetzungsfall verzichtet werden (AG II: B II 2.3.2.). 

Gegen eine Wegnahme der Pfarrwahl aus den Presbyterien und gegen eine grundsätzliche Entsendung der PfarrerInnen (sei es durch KL oder KSV) sprechen folgende Punkte:

- Die Akzeptanz eines entsandten Pfarrers oder einer Pfarrerin ist ungleich geringer als die Akzeptanz eines
  selbst ausgesuchten Theologen.

- Eine  Verärgerung über die hinzunehmende Entsendung trifft vor allem den neu beginnenden Pfarrer bzw
  die Pfarrerin. Die Entsendung bildet eine ausserordentliche Quelle von Konfliktherden in den Gemeinden.

- Die Presbyterien verlieren eine ihrer wichtigsten Aufgaben.

- Die Auswahl des bestgeeigneten Kandidaten geschieht am sichersten durch die Gemeinde selbst mit
  intensiver Beratung durch den KSV.

- Die Entsendung anstelle einer Pfarrwahl würde im ökumenischen Vergleich den Verlust  eines erheblichen
  Vorteils unserer evangelischen Gemeinden bedeuten. 

Für Krisensituationen dürfte ein  (evtl ausgeweitetes) Abordnungsrecht (§ 76 PfDG) der Landeskirche  in gemeinsamem Handeln von KSV und KL durchaus ausreichend sein.

4. Schwächung der Gemeinde und Stärkung der KSV-Ebene
Die Schwächung der Gemeindeebene geht gewolltermassen mit einer erheblichen Stärkung der KSV-Ebene einher. Dabei scheinen einige Problemfelder nicht ausreichend gewürdigt worden zu sein:

- Die Mitglieder des  KSVs  sind als Laien wie als Theologen Mitglieder ihrer Gemeinden und insofern
  naturgemäss Konkurrenten zu anderen Gemeinden und Kollegen. In solchen Konkurrenzsituationen
  kann aber eine Übertragung von Rechten mit erheblicher Bedeutung  auf den KSV nicht sinnvoll
  und zweckmässig sein (z.B. pfarramtliche Verbindungen „von Amts wegen“, AG IIB IV 1. S.39).
  Hier muss die Ebene der KL zwischen kirchengemeindlichen Interessen und den Interessen des KSV
  entscheiden.

- Eine Konkurrenzsituation besteht auch zwischen Institutionen, für die der KSV direkte Verantwortung
  trägt (z.B. Verwaltungsämter, Funktionspfarrämter), und Institutionen bzw Personen auf
  Gemeindeebene. Hier könnte ein KSV leicht der Versuchung unterliegen, die Interessen der ihm direkt
  zugeordneten Institutionen den Interessen der Gemeinden vorzuziehen. Entscheidungsebene kann auch
  hier nur die Kirchenleitung sein.

- Von den  sich einmal im Monat treffenden Mitglieder des KSVs  dürften normalerweise nur der
  Superintendent und einige Mitglieder mit besonderen Aufgaben tiefgehendere Einsichten in die
  Entwicklung aller Gemeinden
des Kirchenkreises haben.  Einzelne KSV-Mitglieder sind dort, wo sie
  als Fachleute für ihre Gemeinde und die angrenzenden Nachbargemeinden gelten, gerade durch  die
  Konkurrenzsituation befangen und bei Angelegenheiten, die andere Gemeinden betreffen,  werden sie
  eher selten kompetent mitberaten und mitstimmen können. So wird der Superintendent durch die de
  facto bei ihm konzentrierte Machtfülle zu einem „Regionalbischof“.

- Der KSV soll durch die vielfach notwendigen Haushaltssicherungskonzeptionen und die
  Personalgestaltungsaufgaben in den Gemeinden eine zentrale Gestaltungsmacht für das kirchliche
  Leben im Kirchenkreis bekommen. Sind hiermit nicht die Mitglieder des KSV überlastet?
  Die Kompetenzen der Mitglieder der einzelnen Presbyterien können nicht unbeschadet des
  Gesamtergebnisses auf die wenigen KSV-Mitglieder konzentriert werden. Hinzu kommt, dass viele
  sehr fähige Presbyteriumsmitglieder aufgrund ihrer Arbeitssituation nur für das Presbyterium, nicht aber
  für den KSV zur Verfügung stehen. So ist nicht nachzuvollziehen, warum die wenigen Kräfte des KSV
  unbedingt bessere Entscheidungen für die Gemeinden und die Gesamtkirche treffen sollten als die grosse
  Vielfalt und Kompetenz der Mitglieder der Presbyterien. Dass die Einbringung von Gesamtaspekten eines
  Kirchenkreises und einer Landeskirche in die Einzelpresbyterien verbesserungswürdig ist, dürfte sehr oft
  zutreffen. Insgesamt könnte ein Vetorecht des KSV durchaus gestärkt werden, die Gestaltungsaufgabe
  z.B. bei der Pfarrwahl, Gemeindeverbindungen, Haushaltsplanungen etc sollte aber weitgehend bei den
  Gemeinden und Presbyterien verbleiben.

- Welche juristischen Einspruchs- oder  Klagemöglichkeiten verbleiben den Presbyterien, wenn sie eine
  Massnahme des KSV für falsch, unangemessen oder einseitig Konkurrenzgemeinden bevorzugend halten.

 5. Stärkung durch Vereinheitlichung?
„Viele wendige kleine Schiffe sind zukunftsfähiger als ein grosser  behäbiger Tanker.“ Ist der evangelischen
Kirche im Rheinland wirklich damit gut gedient, wenn zu Lasten der vielen wendigen kleinen und buntgemischten Gemeinden eine Vereinheitlichung durch einige grosse Gemeinschaften eintritt: Personalplanung und Führung von oben werden damit sicher erleichtert, aber den Reiz und die Stärke  unserer Landeskirche macht gerade die Pluralität der Gemeindearbeiten aus: Erfolgreich können Gemeinden nur dann arbeiten, wenn sie sich im Zusammenspiel mit anderen, aber eigenverantwortlich, ihre ihnen gemässen Schwerpunkte und Nischen suchen und so Menschen ansprechen, zum Glauben motivieren
und als Ehrenamtliche gewinnen können.


Pfr. Manfred Alberti,  Lüntenbecker Weg 38,   42327 Wuppertal,  Tel und Fax  0202 712602
manfredalberti@hotmail.com   Ev. Kirchengemeinde Wuppertal -  Sonnborn    2.3.2006 - 4       

 

 
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