Kirche von unten

K

Freiheit für Gemeindeentwicklung
 

Warum unser Presbyterium den landeskirchlichen Vorschlägen zur
Prioritätendiskussion kritisch gegenübersteht
Von Heidrun Idelberger, Steuerberaterin

Das Presbyterium der Kirchengemeinde Hilgenroth hält die Richtung der in den beiden Papieren der landeskirchlichen Arbeitsgruppen vorgeschlagenen Maßnahmen zur Strukturreform grundsätzlich für bedenklich. Je mehr die Details, besonders zur Eigenständigkeit der Kirchengemeinden bekannt wurden, desto mehr war der Unmut des gesamten Presbyteriums bei unseren Beratungen zu spüren und zu hören. Der Unmut richtet sich im wesentlichen gegen die Einsparung von Pfarrstellen, Verwaltungsstellen in den einzelnen Kirchengemeinden sowie die Verlagerung entscheidender Kompetenzen von der Gemeinde- auf die Kirchenkreisebene.

Nach meinem Dafürhalten entfernt sich die Kirche mit dieser Reform immer mehr von Ihren Mitgliedern. So wie ich es verstanden habe, wird die bisherige Organisation auf den Kopf gestellt. Ich kann das nicht ganz nachvollziehen. Man hat mir immer erklärt, dass es ein Charakteristikum der evangelischen Kirche im Rheinland sei, dass sie Kirche von unten ist und sich von den Gemeinden und Presbyterien her aufbaut.

Wir leben hier in der Kirchengemeinde Hilgenroth im ländlichen Raum des Westerwaldes. Unsere Kirchengemeinde ist vor allem auch Begegnungsstätte für Menschen. Dies geschieht zum Beispiel beim Kirchenkaffee, im Bibelkreis, beim Jugendtreff oder in der Krabbelgruppe. Auch das Gemeindebüro ist eine Anlaufstelle für Menschen, die im Ehrenamt in irgendeiner Weise die Kirche fördern, sei es durch Bilder für eine Ausstellung, Terminabsprache oder auch einfach für Menschen, die das Gespräch suchen. Der Pfarrer steht für die Kirche in der Gemeinde und ohne eine Leitfigur dieser Art, würde das kirchliche Leben bestimmt verkümmern. Diese Person ist auch bei Amtshandlungen nicht einfach austauschbar.

Man muss aber auch bei den gestiegenen Aufgaben und einem straffen Haushaltsplan über den Tellerrand hinaussehen. Dies ist m.E. aber eher bei einer dezentralen Struktur möglich. In unserer Gemeinde geschieht dies zurzeit in der Jugendarbeit. Mit der Kirchengemeinde Almersbach und dem CVJM-Kreisverband ist es uns gelungen, eine Stelle für eine Jugendleiterin einzurichten. Auch hier müssen wir erkennen, dass ohne den Menschen, Frau Barbara Lubbert, ein Erfolg so nicht möglich wäre. Sie ist für die Gemeindemitglieder greifbar und direkt ansprechbar. Ich denke, auch das macht den Erfolg und die Akzeptanz bei den Gemeindegliedern aus. Gemeindearbeit ist ja vor allem auch Beziehungsarbeit. Die Finanzierung dieser Stelle konnte in unserer Kirchengemeinde durch Spenden gesichert werden. Eine Zusammenarbeit mit einer anderen Kirchengemeinde streben wir in der Zukunft für die Kirchenmusik an. Des Weiteren sind wir als Kirchengemeinde daran interessiert den Platz der Kirche im öffentlichen Leben der Gemeinde zu festigen. So wurden gemeinsame Aktivitäten (z.B. gemeinsames Erntedankfest) mit den Vereinen und den Kommunen im Bereich der Kirchengemeinde vereinbart. Es wurden auch Termine abgestimmt, damit man ein gesundes Nebeneinander gewährleisten kann.

Dies alles ist Ausfluss unserer Gemeindekonzeption. Entsprechend wurden von uns auch die Mittel im Haushalt gestaltet und eingesetzt. Nach den Vorschlägen der Arbeitsgruppen soll ein Haushaltssicherungskonzept durch den KSV verpflichtend sein, wenn der Haushalt nicht ausgeglichen werden kann - offensichtlich unabhängig von der Rücklagensituation einer Gemeinde. Dies könnte bedeuten, dass der KSV bei bestimmten Ausgaben ein Vetorecht hat. Damit könnten wir dann unsere Gemeindekonzeption in den Papierkorb befördern. Zumal die Kreissynode im Rahmen einer Gesamtkonzeption einzelnen Gemeinden durch Mehrheitsbeschluss Aufgaben zuweisen kann. Wie soll das den Gemeindegliedern beigebracht werden? Können Sie sich vorstellen, dass Mitglieder Konsequenzen ziehen? Für mich kann ich sagen, wenn die Vorschläge in vollem Umfang durchgesetzt würden, wäre meine Enttäuschung groß und es wäre dann nicht mehr die Kirche, für die ich mich einsetzen möchte.

Die Arbeitsgruppen begründen ihre Vorschläge damit, dass bis zum Jahre 2030 voraussichtlich 33 % weniger Gemeindeglieder und 50 % weniger Einnahmen zu verzeichnen sind. Dies bedeutet, dass man mit weniger Geld auskommen muss. Das ganze Konzept ist geleitet von der Angst nicht mehr genügend Geld zur Verfügung zu haben und bestehende Strukturen nicht mehr absichern zu können. Ich wünsche mir von der evangelischen Kirche im Rheinland, sich auf Ihre wesentlichen Aufgaben zu besinnen. Dazu gehören für mich:

  1. Die Verkündigung vom Wort Gottes
  2. Diakonische Aufgaben
  3. Kinder- und Jugendarbeit
  4. Seelsorge

Die Einnahmen aus der Kirchensteuer sind und werden immer wieder in der Diskussion sein, zum einen wird es immer Konjunkturschwankungen geben, zum anderen wird die Kirchensteuer ein Anhängsel der Einkommensteuer bleiben mit allen Risiken und Unsicherheiten, die damit verbunden sind. Einnahmen durch Kollekten, Spenden und der Aufbau freiwilliger Beitragssysteme werden in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Vielleicht sollte man aber auch einmal darüber nachdenken, ob sich Kirche nicht im weitesten Sinne unternehmerisch betätigen sollte, um einerseits wichtigen Aufgaben nachzukommen und Arbeitsplätze zu schaffen und um andererseits wesentliche Bereiche kirchlicher Arbeit finanziell abzusichern. Dies kann zum Beispiel durch Freizeitmaßnahmen oder Seminare geschehen. Der Stress und der Druck im wirtschaftlichen Leben wird immer größer. Hier siedeln sich Managerseminare an. Auch hier kann man viel aus der Bibel lernen oder auch Kraft durch das Wort Gottes schöpfen. Ich denke, dafür werden bestimmte Nachfrager gerne Geld ausgeben. Gerade in der Vermittlung von Werten und Sozialer Kompetenz kann ich mir keine bessere Institution wie die Kirche vorstellen. Es gibt so viele Möglichkeiten, durch sinnvolle Tätigkeit mit ein wenig Mut und Kreativität Einnahmequellen zu erschließen und gleichzeitig Sinnvolles zu leisten. Nach meiner Meinung helfen solche Quellen und bilden einen wichtigen Einstieg in eine alternative Finanzierungsform von Aufgaben.

Kirche bedeutet mehr als eine Dienstleistung am Menschen. Kirchliche Arbeit ist vor allem auch Beziehungsarbeit, die viel mit Vertrauen zu tun hat für uns alle in dieser Gemeinschaft sollte uns das Vertrauen auf Gott, der uns den Weg weisen wird, in unseren Entscheidungen leiten.

Zum Schluss möchte ich zusammenfassen:

  1. Die Reformvorschläge gehen für mich in ihrer Grundausrichtung an der Wirklichkeit vorbei.
  2. Mit Zentralisierungsmaßnahmen entfernt sich die Kirche immer mehr von den Menschen, die sie erreichen will. Dies schwächt die Bindungskraft der Kirche, führt zu weiteren Mitglieder- und damit auch zu Einnahmeverlusten.
  3. Eine einzelne Kirchengemeinde kann nicht alle wünschenswerten Aufgaben umsetzen. Dafür wurde eine Gemeindekonzeption erarbeitet, die sich an den Herausforderungen und Möglichkeiten in der konkreten Kirchengemeinde ausrichtet (Ebenso auf Kirchenkreisebene). Daran ist die Leistungsfähigkeit der Gemeinde oder des Kirchenkreises zu messen. Nach welchen Maßstäben soll diese Leistungsfähigkeit aberkannt werden?
  4. Die Reformvorschläge laufen auf eine Struktur hinaus, in der mehr in Verwaltung investiert muss. Je größer die zu verwaltende Einheit ist, desto größer ist der Regulierungsbedarf. Was früher auf der Beziehungsebene geklärt werden konnte, bedarf in anonymen Strukturen rechtlicher Regelung. Die Gefahr ist groß, dass hierdurch die Verwaltung immer mehr aufgebläht wird und Entscheidungen verlangsamt oder behindert, Eigeninitiative und Kreativität abgewürgt werden. 

Heidrun Idelberger

 
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