Bericht-Kreissynode

K

Bericht an die Kreissynode am 9. und 10. November

 

1. Empirische Angaben zur Kirchengemeinde

Die Kirchengemeinde Hilgenroth hat knapp 1.100 Gemeindeglieder, die sich auf ca. 16 Dörfer und Weiler verteilen. Vom Dienstort Eichelhardt zum westlichen Ende der Kirchengemeinde nach Ölsen-Friedenthal fährt man ca. 15 km zum größten Teil auf landwirtschaftlichen Nutzwegen. An den östlichen Rand nach Eng sind es von Eichelhardt aus knapp 10 km.
Nahezu alle Kinder, die in evangelischen Familien geboren werden, werden auch getauft. Etwas niedriger liegt die Quote bei den Konfirmationen. Die Teilnahme an den Gottesdiensten der Gemeinde liegt bei knapp 10%. Etwa 50-60 Menschen arbeiten in unserer Gemeinde in fester Verantwortung mit. Hinzu kommen etwa 35-40 Gemeindeglieder, die in unseren Chören aktiv sind und eine deutlich höhere Zahl, die ansprechbar ist für punktuelle Mitarbeit bei Projekten.
Abgesehen davon, dass Hilgenroth im Blick auf die Gemeindegliederzahl zu den drei kleinsten Gemeinden des Kirchenkreises zählt, belegen diese Zahlen keine Sonderstellung im Kirchenkreis. Hilgenroth ist eine typische Kirchengemeinde im ländlichen Raum, die sich, wie gewiss alle anderen Gemeinden des Kirchenkreises, bei zentralen „Kennzahlen“ positiv absetzt von den Daten, die in den urbanen Zentren unserer Landeskirche vorzufinden sind.
Warum agiert die Ev. Kirche in ländlichen Regionen wie dem Kirchenkreis Altenkirchen deutlich „erfolgreicher“, als in den Ballungsräumen? Es ist vor allem auch im Blick auf die aktuelle Strukturdiskussion befremdlich, dass diese Frage bisher kaum gestellt, geschweige denn hinlänglich analysiert worden ist.[1]
 

2. Strukturwandel

„Jeder kennt jeden.“ – Diese Floskel, mit der dörfliche Verhältnisse oftmals beschrieben werden, trifft auf den überwiegenden Teil unserer Gemeindeglieder zu. Es gibt ein enges Beziehungsgeflecht an verwandtschaftlichen, freundschaftlichen und nachbarschaftlichen Beziehungen. Dieses Beziehungsgeflecht ist ein Grund dafür, warum auch kirchliche Aktivitäten wie Trauungen, Beerdigungen, Konfirmationen oder Hochzeitsjubiläen von einem Großteil der Menschen in unserer Gemeinde wahrgenommen werden. Dass haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirchengemeinde einen außerordentlich hohen Bekanntheitsgrad haben, ist ebenfalls hierauf zurückzuführen.[2]

Dieses Bild einer durchaus intakten Volkskirche ist allerdings nicht ungetrübt. Schon seit langem gibt es einen Strukturwandel, der die dörflichen Organismen im Laufe vieler Jahrzehnte verändert hat. Waren in der Vergangenheit Landwirtschaft und Montanindustrie die Haupterwerbsquellen, so gibt es heute nur noch wenige Gemeindeglieder, die zumeist im Nebenerwerb Landwirtschaft betreiben. Erzbergbau und Stahlindustrie spielen keine Rolle mehr. Ursprünglich gab es im Bereich der Kirchengemeinde Hilgenroth einmal 4 Schulen, darunter die überregional bekannte und anerkannte Reformschule in Isert. Heute müssen sich auch Grundschüler auf den Weg nach Altenkirchen machen. Die Menschen sind zwangsläufig mobiler geworden, viele pendeln zu ihrem Arbeitsplatz z.T. bis in den Kölner Raum. Die ortsnahen natürlichen Begegnungsmöglichkeiten haben sich erheblich reduziert, bis auf Eichelhardt sind die Dorfläden verschwunden, eine Poststelle gibt es schon lange nicht mehr.

Dies hat zur Folge, dass das immer noch intakte Beziehungsgeflecht schleichend zu erodieren droht. Die Vereine, mit denen wir eng kooperieren, haben es zunehmend schwer. Auch bei uns gibt es eine tendenziell vermutlich wachsende Anzahl an Gemeindegliedern, die sich „wie Kunden“ verhalten - nicht nur gegenüber der Kirchengemeinde.

Dennoch geht es der Kirchengemeinde relativ gut – vermutlich auch deswegen, weil die Kirche die einzige Großorganisation ist, die im ländlichen Raum noch Präsenz zeigt. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass man dem Erosionsprozess durch Eigeninitiative und Engagement begegnen kann.
 

3. Kooperation

Eine Möglichkeit hierzu ist die Kooperation mit Partnern innerhalb und außerhalb des Bereichs der Kirchengemeinde. Gut arbeiten wir mit den Vereinen, den Gemeinderäten und Bürgermeistern und dem kommunalen Kindergarten in Eichelhardt zusammen. In den Fordergrund gerückt ist die Kooperation in der Region Altenkirchen, die langsam Konturen annimmt. Wir möchten mit der Zusammenarbeit in der Region Entlastung schaffen sowohl im Blick auf personelle wie auch finanzielle Ressourcen. Zugleich möchten wir die Anziehungskraft des Lebens der drei Kirchengemeinden erhöhen.

Erstmals gab es einen gemeinsamen Gottesdienst der Region am Pfingstmontag in Altenkirchen, der durchaus gut angenommen wurde. Am 30. Dezember wird es einen zweiten Regionalgottesdienst in Almersbach geben, am Pfingstmontag 08 wird ein weiterer gemeinsamer Gottesdienst in der Kirche in Hilgenroth stattfinden. Darüber hinaus ist eine engere Zusammenarbeit auf folgenden Gebieten geplant: Öffentlichkeitsarbeit; Jugendarbeit, Kirchenmusik; Erwachsenenbildung, Frauenhilfe sowie Fortbildung für Ehrenamtliche. Auch die Handlungsfelder Schule und Ökumene bieten sich für die Ebene der Region an.

Eng und gut ist die Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde Almersbach. Nach dem Ausscheiden von Barbara Schrödinger richteten die beiden Kirchengemeinde Almersbach und Hilgenroth erneut eine auf drei Jahre befristete Stelle für Jugendarbeit im Umfang von 50% ein, die im Oktober mit Björn Stürz besetzt wurde.

Unser Posaunenchor ist ein Kooperationsprojekt mit der Kirchengemeinde Kroppach. Der Kirchenchor blickt in diesem Jahr auf sein 65-jähriges Bestehen zurück. Aus diesem Anlass fand ein Jubiläumskonzert in der Hilgenrother Kirche statt, bei dem der Betzdorfer Kirchenchor mitwirkte. Auch in der Vergangenheit haben sich die beiden Chöre aus Betzdorf und Hilgenroth bei Konzerten gegenseitig unterstützt.

Unsere Kirchengemeinde profitiert immer wieder von den Diensten des Kirchenkreises. In diesem Jahr ist vor allem die Unterstützung von Uwe Danner vom Verwaltungsamt und von unserer Kreiskantorin Elisabeth Schubarth hervorzuheben. Bei der Innenrenovierung der Kirche in Hilgenroth kam es, bedingt durch eine unsachgemäße Einhausung, zu erheblichen Verschmutzungen an der Orgel. Durch die Kompetenz und den Nachdruck von Herrn Danner und vor allem auch von Frau Schubarth übernahm letztendlich die Versicherung der Gegenpartei die Reinigungskosten für die Orgel in vollem Umfang.
 

4. Finanzen

Nach der Teilrenovierung des Innenraums der Hilgenrother Kirche ist die Baurücklage reduziert worden, sodass für größere Bauvorhaben im Moment keine Mittel vorhanden sind. Das Presbyterium hat beschlossen, vorhandene Mittel vorrangig zur Wärmedämmung und für mehr Energieeffizienz einzusetzen, um langfristig Energiekosten zu reduzieren.
 
Trotz höherer Einnahmen – der Haushalt 2008 weist einen Überschuss von knapp 8.000 € aus – hat die Kirchengemeinde den Kostenrahmen bei den Personalkosten reduziert, um gegenüber zukünftigen Hauhaltsrisiken gewappnet zu sein. Wesentliche Spielräume gewinnen wir nach wie vor durch Spenden, Kollekten und Mittel des Freundeskreises, die etwa 14% unserer Einnahmen abzüglich der Umlagen ausmachen.
 

5. Ausblick

In der Rhein-Zeitung vom 28. Juli lese ich auf S. 3 ein Interview mit einem Frankfurter Städteplaner und Architekten. „Alles, was weit weg von den Städten ist, ist gefährdet.“ sagt er und prognostiziert damit auch für unsere Region einen Auszehrungsprozess. Gleichzeitig lobt er das neue Entwicklungsprogramm der Landesregierung, in dem der Landkreis Altenkirchen kaum vorkommt, als mutigen Schritt. Dieses Interview ist ein eher moderates Beispiel (wie übrigens auch der angesprochene „Landesentwicklungsplan IV“) für eine Denkweise, die ökonomische Maßstäbe in den Fordergrund rückt und deswegen Konzentrationsprozesse fördert. Eine aktive Strukturpolitik, die bemüht ist, die Lebensverhältnisse in benachteiligten Regionen denen in prosperierenden Räumen anzupassen, ist hier kaum noch auszumachen.

Gefährdet ist der ländliche Raum, wie er sich im Landkreis Altenkirchen darstellt, durch diese Denkweise. In ihrer extremen Ausprägung unterschätzt sie völlig, was unsere Kirchengemeinde stark macht: das enge Beziehungsgeflecht, der immer noch funktionierende Nahbereich (Familien, Nachbarschaften, Dorfgemeinschaften usw.). Spielräume gibt es allerdings, dieser Gefährdung durch Eigeninitiative und Kreativität zu begegnen.

Noch ist die Frage offen, in welche Richtung sich unsere Kirche bewegt, ob sie kleinen aber vitalen Gemeinden und dem ländlichen Raum insgesamt eine Chance geben wird – einiges spricht im Moment dafür -, oder ob sie die Verhältnisse in den Ballungszentren zum Maßstab für gewünschte Veränderungen macht, oder ob sie sich gar an einer an fiskalischen und strukturellen Blaupausen orientierten Ideologie leiten lässt, die den einzelnen Menschen auf eine Funktion innerhalb einer Großorganisation reduziert.

Die Bibel beschreibt den Menschen jedenfalls als Beziehungswesen, dass seine Kraft entfaltet durch die Beziehung mit anderen Menschen und durch die Beziehung mit Gott.

Hans- Jürgen Volk

[1] Eine Ausnahme ist die hervorragende Zeitschrift „Kirche im ländlichen Raum“, die in der Landjugendakademie Altenkirchen im Auftrag der EKD produziert wird.
[2] Bestätigt wurde dies für den Kirchenkreis insgesamt durch die Gemeindegliederbefragung der Werbeagentur Abresch, die vor etlichen Jahren durchgeführt wurde.
 
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